sibelius


Programmtext »Kaija Saariaho«

von Martin Lücke / Bochumer Symphoniker For[u]m 21, Juni 2003



»Der Klang unter dem Mikroskop...«

oder

»Ich arbeite für die Ohren«
(
Kaija Saariaho)



Die am 14. Oktober 1952 in Helsinki geborene und seit 1982 als freie Künstlerin in Paris lebende Kaija Saariaho gehört zu den innovativsten Komponistinnen, die das Land der tausend Seen hervorgebracht hat. Ebenso wie vor gut 100 Jahren Jean Sibelius, der die nordische Kunstmusik beeinflusste und von dem in diesem Konzert sechs kurze Miniaturen zu hören sein werden, ist Saariaho eine der wenigen, die den internationalen Durchbruch geschafft und sich sowie ihre Musik stets weiterentwickelt hat. »Ihre Musik ist zugleich Kreation und Reflexion; mit avancierten Mitteln hat sie eine eigene Formsprache entwickelt«, wird über sie berichtet.

Während ihres Studiums an der Sibelius-Akademie in Helsinki (1976-1980) schrieb sie fast ausschließlich kurze Liedkompositionen. Danach, mit der zeitgenössischen westlichen Musik konfrontiert, richtete sich ihr Fokus auf die Instrumentalmusik, und es bedeutete in ihren Augen, wirklich mit dem Komponieren anzufangen, auch wenn die Absage an die Vokalmusik zunächst als beschwerliche Trennung empfunden wurde. Sommerkurse für Neue Musik in Darmstadt bei Brian Ferneyhoughs, die Fortsetzung ihrer Studien in Freiburg bei Klaus Huber und mehrere Kurse für Computermusik am berühmten Pariser IRCAM von Pierre Boulez veränderten ihr Hauptinteresse in den 80ern in Richtung Klang. »Kaija Saariaho ist eine Komponistin der raffinierten Farben und traumhaften Stimmungen; sie ist als Komponistentyp eine Synästhetikerin, die für ihre Werke gerne einen literarischen Text als Inspirationsquelle benutzt«, beschreibt Kalevi Aho ihre Arbeitsweise.

Seit dieser Zeit sind der Computer und Live-Elektronik wichtige Elemente ihrer kompositorischen Techniken, zumindest bis Mitte der 90er Jahre, und sie gehört zu der Generation von Komponistinnen, die erfolgreich den schwierigen Weg ständiger Anpassung quer durch die Veränderungen der wissenschaftlichen, technologischen und künstlerischen Welt von heute zurücklegen.

Die beiden Werke, die heute zu Ehren von Saariahos 50sten Geburtstages aufgeführt werden, stammen aus ihrer Schaffensperiode seit Mitte der 90er Jahre, als Computer und elektronische Klangerzeugung die dominierende Rolle in ihren Kompositionen verlieren, und sie sich erneut dem reinen instrumentalen Klang, abseits der Verschmelzung von elektronischen Komponenten widmet.

Einen häufig in ihren Werken vorkommenden poetischen Titel weist auch das 2001 entstandene Flötenkonzert Aile du Songe (Flügel des Traums) auf, das der heutigen Solistin Camilla Hoitenga gewidmet ist, die an einigen Details der Solostimme mitgewirkt hat. »I have been very familiar with the flute since my earliest pieces. I like the sound in which breathing is ever present and with timbral possibilities that benefit my musical language: the instrument's body makes it possible to write phrases that go through grinding textures coloured with phonemes whispered by the flutist which gradually go towards pure and smooth sounds«, beschreibt Saariaho ihre Liebe zur Flöte und den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten.

Das zweisätzige Konzert (I. Aérienne; II. Terrestre) basiert auf der Gedichtssammlung Oiseaux von Saint-John Perse, der bereits 1981 bei dem Stück Laconisme de l`aile Pate stand.

Die Sektionen von Aérienne beschreiben drei verschiedene, mehrstimmige Situationen. In Prélude durchdringt die Flöte allmählich den Raum und stößt die begleitende Musik des Orchesters an. Im zweiten Abschnitt, Jardin des oiseaux, interagiert die Flöte mit verschiedenen Instrumenten des Orchesters, während sie im abschließenden D`autres rives mit einem einsamen, hochfliegenden Vogel zu vergleichen ist, der verschiedene, von den Streichern intonierte Schatten wirft über einer unveränderten Landschaft aus Harfe, Celeste und Schlaginstrumenten.

Die erste Sektion von Terrestre, Oiseau dansant, beginnt mit einem scharfen Kontrast zum vorangegangenen musikalischen Material. Es verweist auf ein Aboriginis Märchen, in dem ein virtuos tanzender Vogel einem ganzen Dorf das Tanzen lehrt und in der Musik Saariahos Niedergang findet. Das Finale, L´oiseau, un satelitte infime, ist eine Synthese des gesamten Materials und endet mit einer langsam ausklingenden Flöte, die die musikalische Anrufung des Vogels beschreibt, der wie ein kleiner Satellit die Erde umkreist.

Bereits sieben Jahre vor Aile du Songe schrieb Saariaho mit Graal théâtre ebenfalls ein Instrumentalkonzert, das einer großen musikalischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gewidmet ist - Gideon Kremer. Der Name des Violinkonzerts entstammt dem gleichnamigen Buch von Jacques Roubaud. Musikalisch war es zum Zeitpunkt der Entstehung eine Ausnahme im Schaffen Saariahos, denn sie verzichtete auf jegliches elektronische Instrumentarium und stellte die Interaktion der Violine mit dem sich permanent verändernden Orchesterklang in den Vordergrund. Virtuose Soli (ein Kritiker der Zeitung Le Monde verglich diese Virtuosität mit Paganini) und langsame, mikrokosmische Wechsel von Aktivität zur Stille prägen das gut 25 Minuten dauernde Werk. Am heutigen Abend steht die Kammerensemblefassung auf dem Programm, die von John Storgard und Hannu Lintu am 14. September 1997 uraufgeführt wurde.


Von Jean Sibelius, dem wahrscheinlich bekanntesten Komponisten Finnlands, der die nationale Musikkultur seines Landes im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste, sind insgesamt sechs Miniaturen zu hören. Vier der Stücke - Canzonetta, Valse Romantique, Scene with Craines und Valse Triste - waren ursprünglich Teil der sechsteiligen Bühnenmusik zu dem Drama Kuolema (Der Tod) von Arvid Järnefelt. Das bekannteste dieser Stücke ist Valse Triste, das neben Finlandia die populärste Orchesterkomposition von Sibelius darstellt. Der kurze, nur fünfminütige Walzer exponiert in dieser Spanne drei Themen. Die erste, chromatisch geführte melancholische Weise mit langen Notenwerten gab dem Stück auch seinen Namen. Abgelöst wird dieses durch ein elegantes von Repetitionstönen getragenes Walzerthema. Den rauschhaften Höhepunkt - Con moto - bewirkt eine in Vierteln aufsteigende und in punktierten Halben absteigende Melodie. Mit dem Eröffnungsthema im pianissimo endet der Walzer. Die Canzonetta und Valse romantique wurden erst 1911 bei einer Neubearbeitung von Järnefelts Der Tod der ursprünglich vierteiligen Bühnenmusik hinzugefügt.

Grevinnans konterfej ist ein kurzes, 3 ½ minütiges ruhiges und melancholisches Melodram für Erzähler und Streichorchester, wobei die Rolle des Erzählers auch von einem Soloinstrument übernommen werden kann.


Kaija Saariaho und Jean Sibelius - zwei musikalische Eckpfeiler, die die lebendige finnische Musiknation der letzten 100 Jahre repräsentieren.


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